In der Raumzeit-Falle

Der Fetisch ist das Gegenteil des Symptoms. Während das Symptom jene Ausnahme darstellt, die die Oberfläche des falschen Scheins stört, jenen Punkt, an dem die verdrängte Wahrheit hervorbricht, ist der Fetisch die Verkörperung einer Lüge, die es uns ermöglicht, eine unerträgliche Wahrheit auszuhalten.

– Slavoj  Žižek

 

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Putin tänzelte aus dem Schatten heraus. Er bewegte sich nur soweit, dass er direkt unter dem Hitzeschild des havarierten Shuttle stand. Mit eisigem Blick musterte er schweigend das grell geschminkte Mumienantlitz des Heiligen Vaters.

“Ich kann mir das auch nicht erklären, Wladimir Wladimirowitsch!”, flüsterte Paläopapst Benedikt XVI. nervös. “Diese Kombination ergibt kein arbeitsfähiges System, sondern bloß Computerschrott. Und dann der Kabelbrand im Beichtstuhlserver… die Messknabenrevolte…” – – –

“Schafft endlich den Raumzeitverstärker weg!”, grollte Commander Worf, und seine Stimme zitterte. Die Männer und Frauen des notgelandeten Außenteams gehorchten träge. Sie hüllten das Aggregat in eine sterile Schleimblase. “Sir – wir sind ziemlich skeptisch, was “intelligente Popmusik” angeht! Und retrograde Raumzeitüberlagerung!”

Putin setzte sich wieder in Bewegung. Der Präsident und KGB-Agent a.D., der sein schütteres Haar pflaumenfarben gefärbt hatte, stellte sich am Eingang der Frachtschleuse dem Klingonen herausfordernd in den Weg.

“Ich hätte Mister Data vorhin fast das hydraulische Genick gebrochen, Kommandant! Sistema – die Kampfkunst der SpezNas! Jenseits von Gut und Böse! Selbst wenn ich mich im Übungskampf schlagen ließe, der nur aus den üblichen katas und Verstärker-Anwendungen besteht… man muss das Zentralnervensystem eines Revanchisten quälen, bis zum Ende quälen, ohne lange zu überlegen! Nach dem Einführen des Zeitstöpsels würde man selbst nichts mehr spüren. Wir Diebe unter dem Gesetz…

Worf ließ den dreihundert Jahre alten Russen wortlos stehen. Der Klingone dachte an Captain Picard und die Schiffe in der Umlaufbahn, aufgereiht wie eine kosmisches corps de ballet. Nichts durfte durch die Maschen dieses Netzes schlüpfen. Es gab nur diese eine winzige Chance – die Zusammenarbeit mit den dementen Raumzeit-Berbern Putin und Benedikt! Vielleicht gelang durch sie die Kontaktaufnahme mit den wandernden Keimzellen des Blauen Narziss, die sich unaufhaltsam und hochansteckend irrational in allen Quadranten der Kleinen Magellanschen Wolke verbreiteten. Als seine willenlosen Backup-Gehirne waren die beiden machthungrigen Instabilen seinerzeit unauslöschlich mit der zellularen Subraumsignatur des Hyperkosmokrators infiziert worden. Eine winzige Chance…

Seit einhundert Stunden schon warteten die Schiffe im stationären Orbit, bewegungslos wie eine p’quarqh unter Wasser. Wittert eine p’quarqh ein Beutetier, so nähert sie sich ihm mit äußerster Vorsicht. Ihr langgestreckter Körper liegt vollständig unter der Wasseroberfläche, und nur die drei Kiemenschnorchel steckt sie zum Atmen heraus. So gleitet sie langsam und geräuschlos herbei, um sich dann blitzschnell auf ihr argloses Opfer zu stürzen… die Schiffe sammeln sich um die verwundete Beute, ein körperloses Energiewesen, das aussieht wie eine Kreuzung aus einem Kometen und einem Medulloblastom, angezogen von seinem Subraumfeld wie Venuszecken von linksdrehender Buttersäure… Worf schloss die Augen. Schauer der Kampfeslust liefen in heißen Wellen über seine knotige Stirnwulst.

“Wir überwachen die Reststrahlung und warten ab! Qapla’! “, entschied der Commander widerwillig. Während Worf die Tricorderdaten checkte, erprobte Putin seine Geschicklichkeit mit der Warpfeldharpune. Auf Zehenspitzen balancierte er seinen gealterten Körper aus. “Körpersprache wie ein Kazon-Rottenführer im Ruhestand…”, dachte der Klingone mit grimmiger Belustigung. Der Stellvertreter Gottes hockte in der Frachtschleuse und prüfte besorgt seinen Lidschatten in einem Taschenspiegel. Am Horizont türmten sich tiefrote Wolkenberge auf. Die berüchtigten Neutronengewitter durften nicht mehr lange auf sich warten lassen. Ihre energetischen Entladungen würden jede Kommunikation mit der Föderationsflotte unmöglich machen. Worf machte sich bereit für eine lange, ungemütliche Dunkelphase.

 

(Fortsetzung folgt vielleicht…)

 

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(Raumzeitverstärker BXH-200)

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Kraftwerk – Kakteen, Wüste, Sonne (1971)

 http://www.youtube.com/watch?v=ry64e6SVQGs

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Peter Bies © 2013

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2 thoughts on “In der Raumzeit-Falle

  1. Oh, oh ja, oh ja! Wie geil ist das denn?!?!

    Übrigens Umbau an ARTDOXA.com macht eventuell noch ein paar Stunden Unbequemlichkeit.

    Nutze den Schwung Deiner techno-hormonalen Eingebung und vollende den neuzeitlichen, stanislav-lemigen Beitrag – im ungenannten Namen des glitschigen Föderations-Beirates!!!

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